ABFLUG

Eingehüllt in Kopf und Gepäck liegen die Bruchstücke der Heimat wirr geordnet. Noch einmal den Hals verrenkt nach gewohnten Gerüchen. Ungeduldig wartet der Mittag bis der Drang abhebt und sich langsam löst in den Spitzen der Tragflächen.
Sitz A 54 bringt mich weg von den kalten Tagen. Das Fernweh erlischt auf den Anzeigetafeln, wo Städte, verkleinert zu Schriftzügen, Warnsignale aussenden. Das Ticket löst sich in Ungeduld auf, Uhrzeiger, gefüttert mit Kerosin, laufen bald in fremde Zeitzonen. Sehnsüchte, verkleidet als Handgepäck, drängen sich in die Gurte, um demnächst erfüllt zu werden.
In den sich immer schneller drehenden Triebwerken zermalmen vorübergehend die Probleme des Alltags. Das Grau des Himmels wird von dreihundertundvierzig rauen Zungen hinter Plexiglas wundgeleckt.

Wie von selbst gesteuert rollt der vernietete Rachen zur Startbahn. Man ist mit Superkleber an den Sitz gebunden, der Magen drückt auf das Hirn und das Blau des Himmels versteckt sich immer noch hinter Mullbinden aus Wasserstoff. Bald werden wir durch sie hindurchtauchen, sie sprengen und abstreifen wie eine Schlange ihre Haut.
Kreuz und quer laufen die Flugrouten durch den Raum, Tausende Blechvögel mit steifen Schwingen lassen ihren milchig-weißen Kot in der Luft, der sich auflöst wie ein Aspirin in Wasser. Stunden um Stunden tauchen in minus 45 Grad Celsius, erfrieren umso schneller, je näher die Landung kommt.
Bald wird die kalte Radarschnauze in die Nacht stoßen, wir werden in der schwarzen Ahnungslosigkeit dahingleiten und die Stille an Bord wird unterbrochen werden von Cellophangeräuschen und Hollywoodfilmen.
Abheben und landen, immer wieder abheben, kurz zwischenlanden oder durchstarten und wieder landen. Eines Tages wird sich das ganze Leben in der Luft abspielen. An den Luftkorridoren werden Motels schweben, an der Weltallbar wird man einen Drink nehmen und seine Reise fortsetzen. Auf die Erde wird man nur noch kommen, um Geschäfte zu machen. Geschäfte mit bemannten Planetenflügen ans Ende des Universums.
Eiswürfel schlagen dich plötzlich um vier Uhr früh in den Zustand ungewollten Bewusstseins, der Drink und das heiße Tuch lösen den Traum auf. „Zollfrei“ ist das Zauberwort, das auf geldfarbenen Händen glänzt. Die Landung naht. Die Leuchtfeuer flackern schon. Schnell angegurtet, aufgesetzt, desinfiziert und durchgezollt.
Eingehüllt in Kopf und Gepäck liegen die Bruchstücke der Heimat wirr geordnet. Hier werde ich sie für einige Wochen ausstreuen und mit neuen Teilen zusammensetzen.

© 2019 von Christian Weingartner                 

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